Mittwoch, 13. Juni 2012

Dresdener Wissenschaftler präsentiert neue Idee:
Kommt der Parkinson von der Nase über den Magen ins Hirn?

Alle Jahre wieder lassen Forscher und Ärzte nichts unversucht, die Parkinson-Welt "neu zu erfinden". Der Dresdner Neurologie-Professor Heinz Reichmann veröffentlichte auf einer Neurologen-Tagung in Prag jetzt mal wieder eine neue Theorie über die Entstehung von Morbus Parkinson. Seine zumindest mutige Vermutung: Parkinson fängt, davon ist der Forscher von der Universitätsklinik Dresden überzeugt, gar nicht im Gehirn an - sondern in der Nase.

Geradezu atemberaubend der Vorschlag des Dresdener Neurologen: Ein simpler Riechtest könne Hinweise auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung geben. Und so kam Reichmann auf die "Nasenspur": Er hatte Patienten untersucht, die mit 50 oder 60 Jahren ihren Geruchssinn verloren hatten. Etwa zehn Prozent von ihnen zeigten dann auch frühe Anzeichen von Parkinson. In Versuchen mit Mäusen will der smarte Neurologie Professor dann nachgewiesen haben, dass die eigentlichen Auslöser der Parkinson-Symptome durch eine Ansammlung sogenannter Lewy-Körperchen in den Geruchszellen der Nase über einen langen Umweg über Magen und Vagus-Nerv schließlich ins Gehirn gelangen.

So ganz neu sind die von den Massenmedien und in einschlägigen Internet-Foren als Sensation gehandelten und viel diskutierten Ideen Reichmanns nicht: Eine Lewy-Körper-Demenz ist seit langem als eine spezielle Ausformung des vielgesichtigen Morbus Parkinson bekannt.

   Die Wiederentdeckung der Lewy-Körper ...  

Und: Es ist ein wissenschaftlich alter Hut, dass die Lewy-Körperchen zuerst bei der Parkinsonerkrankung entdeckt wurden . Es handelt sich hierbei
"um eosinophile Einschlüsse im Zytoplasma von Nervenzellen (Neuronen) in der Großhirnrinde und im Hirnstamm. Diese Einschlüsse sind anomale Aggregate von Protein, die die Bildung des Botenstoffs (Neurotransmitter) Dopamin verringern, wodurch es unter anderem zu den typischen Parkinson-Symptomen kommt". (Quelle: Wikipedia)
Und auch die "revolutionäre" Entdeckung Reichmanns, das eine Beeinträchtigung des Riechvermögens eines der frühen Symptome von Parkinson sein kann, kommt jedem, der sich ein wenig mit dieser Krankheit beschäftigt hat - sei es als Kranker, sei es als Angehöriger oder Mediziner - ausgesprochen bekannt vor. Neben der Störung der Bewegungskoordination, dem Tremor und dem Rigor (Steifigkeit bis hin zum "Freezing", dem Einfrieren der Bewegung, ist Parkinson seit jeher bekannt für weitere Symptome, unter anderem Riechverlust, Verstopfung, Doppel-Sehen, erektile Dysfunktion und andere sexuelle Funktionsstörungen, Harninkontinenz, diffuse Schmerzen, Depressio, Anhedonie und in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung auch Demenz. Auch fettige Haut und exzessives Schwitzen können auf eine beginnende Parkinson-Erkrankung hinweisen.

   Vieles kann - nichts muss ...   

Wichtig: all diese Symptome können im Verlauf einer Parkinson-Erkrankung auftreten - müssen es aber nicht. So gibt es viele Parkinson-Kranke mit wenig oder gar nicht eingeschränktem Riechvermögen: Damit wackelt die Reichmann-Theorie zumindest.

Der Professor aus Dresden belässt es nicht bei seiner "Nasen-Theorie". Zwar bestätigt es prinzipiell den den Wissensstand, dass nämlich die Gründe des Krankheitsausbruchs noch ungeklärt sind. Aber auch was die Kausalität angeht, ist Reichmann reichlich forsch. Er behauptet, Morbus Parkinson "am wahrscheinlichsten durch eine genetische Vorbelastung entstehe, die eine erhöhte Empfindlichkeit auf Umwelteinflüsse bedingen könnte.

jos


chronischLEBEN-Kommentar:
Ein feiner Riecher für Sensatiönchen

Ja , ja, die Mäuse. Wenn die Forscher die nicht hätten ...


... wäre es für sie wohl zumindest nicht mehr ganz so leicht, an die begehrten Drittmittel zu kommen - sei es von der Pharmaindustrie oder - wesentlich einfacher - von gutgläubigen Stiftungen, die leichtgläubig Jahr für Jahr Summen zwischen 10.000 und mehreren Millionen EURO an Forscher vergeben, die am lautesten "Hier" schreien. 


Die Reichmannschen Theorien und seine "Nasen-Diagnose" sind ein typisches Beispiel. Er "entdeckt" etwas, was seit Jahren Standard-Wissen ist: Dass nämlich einige Parkinson-Kranke in einer frühen  Phase der Erkrankung Probleme mit dem Riechen haben - und dreht den Spieß methodisch einfach um: Er nimmt Patienten mit Riechstörungen und schaut dann weiter nach: Voilà - da sind doch tatsächlich Parkinsonkranke dabei (mal abgesehen davon, dass Reichmann die alles andere als sichere Ultraschall-Diagnose zu bevorzugen scheint). Was er damit beweisen will, wissen wir, ist aber nicht wirklich nachzuvollziehen.


Ein Niederländer kassiert mit einer ähnlichen Methode demnächst 10.000 EURO eines Preises, den eine kleine deutsche Parkinson-Stiftung ausgelobt hat: Für die atemberaubende Erkenntnis, dass viele Parkinsonkranke kaum noch laufen, aber prima Fahrrad fahren können - auch das ist ein alter Hut.


Eines scheint aber auf jeden Fall klar zu sein: Der Professor aus Dresden hat ein sehr feines Näschen für spektakuläre Auftritte.


Mir als Parkinson-Kranken hilft das nicht wirklich weiter. Ob der Parkinson mich von hinten schräg durch die Brust oder über Riechkolben, Verdauungssystem dann wieder aufwärts in Hirn erwischt hat - würde ich als neugieriger Mensch schon gern wissen. Aber was dann? Der Schaden im Hirn ist nach der Diagnose angerichtet. Und auch wenn Reichmann demnächst die angeblich sichere Nasen-Frühdiagnos erfinden sollte, ist mir das ziemlich egal. Soll ich mir dann die Nase abschneiden lassen, um das Parkinson-Übel im Keime zu ersticken.


Eines tröstet mich und hält mein Lachzentrum bei Laune: Die nächste verwegene Theorie kommt bestimmt - es gibt ja noch genug Mäuse in den Laboren.


Norbert Jos Maas


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