Dienstag, 8. Mai 2012

Jülicher Firma und Kölner "THS-Papst" versprechen:
"Intelligenter" Hirnschrittmacher soll Parkiunson-Therapie optimieren

Die Tiefe Hirnstimulation als operativen Eingriff zur Behandlung von Parkinson-Symptomen perfektionieren will ein gemeinsames Projekt der Jülicher Firma ANM Adaptive Neuromodulation GmbH, des Forschungszentrums Jülich und des Universitätsklinikums Köln mit ihrem THS-"Papst", dem Neurochirurgen Volker Sturm. Gefördert mit 1,32 Millionen Euro aus Mitteln des Schavan-Bundesministeriums für Bildung und Forschung soll das Projekt DBS SMART (engl. Deep Brain Stimulation, „Tiefe Hirnstimulation“) einen neuartigen implantierbaren Schrittmacher für die klinische Forschung entwickeln, der die Symptome deutlich schonender und dauerhafter unterdrückt als die bisherigen THS-Techniken.

Hintergrund: Alle Jahre wieder (mindestens) kündigen die Medizin-Branche und die mit ihr verbandeltelten Wissenschaftler und Ärzte bahnbrechende Fortschritte in der Behandlung chronischer und unheilbarer Krankheiten an. Eines der bevorzugten Objekte der Heilsbringer sind Parkinsonkranke. Neben immer wieder neuen Medikamenten ist der sogenannte "Hirnschrittmacher", die "Tiefe Hirnstimulation" (THS) seit rund 15 Jahren als einerseits wirksamer, aber auch zunehmend umstrittener operativer Eingriff zur Behandlung von Parkinson-Symptomen bekannt.

Die zunächst verschwiegenen und verharmlosten Neben- und Fogewirkungen der bisherigen THS-Technik mit Depressionen, Hypomanien und Persönlichkeitsveränderungen sowie Verstärkung einzelner Symptome bis hin zu Impulskontrollstörungen von der Kauf- und Spielsucht bis zur Hypersexualität werden mittlerweile zunehmend diskutiert und bestätigt.

Die Entwickler des Projekts DBS SMART (intelligente THS) versprechen sich von der neuen Technik gezieltere Linderung von Parkinson-Symptomen mit einem "schonenderen" Verfahren.

Im Projekt DBS SMART arbeiten die Forscher an einem Hirnschrittmacher, der betroffene Nervenverbände gezielt desynchronisiert. Die Neurotechnologie beruht dabei maßgeblich auf dem Stimulationsalgorithmus „Coordinated Reset“ (CR®), der von dem Mediziner, Physiker und Mathematiker Peter Tass vom Forschungszentrum Jülich entwickelt wurde. Für jeden Patienten wird dabei ein maßgeschneidertes Stimulationsmuster ermittelt, mit dem die überaktiven Nervenzellen gezielt desynchronisiert und - so Peter Tass - das Aktivitätsmuster teilweise dauerhaft korrigiert werden kann. Die Technik wird in Zusammenarbeit mit dem Neurochirurgen Volker Sturm vom Universitätsklinikum Köln erprobt.

Projektkoordinator Christian Hauptmann von der Firma ANM GmbH gibt sich in einer Veröffentlichung des Deutschen Ärzteblatts siegesgewiss: „In einer Akut-Studie hat die Technologie schon exzellente Ergebnisse erzielt. Auch dauerhafte Erfolge scheinen möglich, Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet. Diese bedarfsgesteuerten Stimulationskonzepte möchten wir nun in einem Implantat realisieren“. Im Projekt soll die Behandlungseffektivität optimiert und die Technik soweit miniaturisiert werden, dass sie komplett implantiert werden kann. Erste Tests an Patienten sind für Ende 2012 vorgesehen, die Projektlaufzeit ist bis April 2015 angesetzt.
jos


chronischLEBEN-Kommentar:
Das weißeste Weiß - oder: War die THS von gestern doch nicht so toll? 

Warum erinnert mich die "Informationspolitik" der THS-Befürworter aus Wissenschaft, Kommerz und Ärzteschaft mit ihren handfesten wirtschaftlichen Interessen  nur so sehr an Waschmittel- und Geschirrspüler-Tabs-Werbekampagnen?


Es ist das Weiß, die Reinheit und der Glanz. Weltmeister in der gehirnwaschenden Produkt-Information ist unumstritten der Henkel-Konzern, der uns seit 1907 immer wieder dazu überredet zu glauben, dass Perborat (Natriumperborat, als Bleichmittel) und Silikat (Natriumsilikat, als Schmutzlöser) - kurz Persil - in tausendfachen Versionen weißer als weiß wäscht - mal mit Perlen mal als Gel.


Den Umkehrschluss sollen die Kunden möglichst schnell vergessen: Die jeweils ältere Version von Persil & Co. waren letztlich der reine Dreck, glaubt man der jeweils letzten "Produktinformation".


Übrigens: Beides, Skeptiker ahnen es, trifft nicht zu. Das "alte" Waschmittel war ganz brauchbar, das neue ist alles andere als revolutionär.


THS-Forschung und -Industrie spielen seit 1998 ein ganz ähnliches Spielchen mit verzweifelten Parkinsonkranken: Erst wurde suggeriert, die erste Generation von Elektroden und Generatoren sei der Chart-Stürmer in der Hitparade der allesamt mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen behafteten Therapie-Varianten zur Linderung der Parkinson-Symptome.


Vor einigen Jahren gab es dann neue THS-Modelle. Natürlich "weisser als das alte weiß" (das sich jetzt allenfalls als schmuddeliges "Grau" erwies, weil sich Risiken und Folgewirkungen nicht mehr verschweigen ließen): Der neue THS-Clou damals waren vier statt bis dahin zwei Elektroden, die ins Hirn implantiert wurden und wahre Wunder versprachen.


Nun also das "Weißeste THS-Weiß" aller Zeiten: Eine "intelligente" THS.


Mag sein. Was mich allerdings zutiefst verunsichert, ist, dass bei jeder der THS-Generationen immer wieder die Risiken und Folgewirkungen eisern geleugnet oder zumindest herunter gespielt werden - bis die jeweils dunkle Seite nicht mehr zu übersehen und zu leugnen ist.


Nicht unbedingt vertrauensbildend sind außerdem die Verknüpfungen und Abhängigkeiten zwischen Forschern, Ärzten und der Industrie, die ihre neuen Produkte um jeden Preis vermarkten wollen.


Bei dem neuen Projekt der "intelligenten THS" wird das erst auf den zweiten Blick sichtbar. Gründer der Firma ANM GmbH, die das Projekt mit 1,2 Millionen Schavan-EURO entwickelt und vermarktet, sind unter anderem niemand anderer als der Kölner Super-Operateur, der "THS-Papst" Volker Sturm; weiterer Mitgründer ein gewisser Dr. Wolfgang Hofmann. Der wiederum ist Manager des Medizin-Konzerns Fresenius Medical Care.


THS-Forschung und -vermarktung zeigen eines überdeutlich: Eine der wichtigsten Forderungen der Gegenwart und Zukunft ist und bleibt die Entflechtung von Forschung, ärztlichen Aktivitäten und Vermarktern medizinischer Produkte und Dienstleistungen.


Solange Selbsthilfeorganisationen allerdings mit immer wieder neuen Ausreden direkt oder (zum Beispiel über auf den ersten Blick unverdächtige) Stiftungen die Abhängigkeit erzeugende Nähe zu wirtschaftlichen Interessenvertretern der Medizin-Branche suchen oder dulden, haben wir Patienten als Betroffene solcher unheilvollen Personalunionen und Lobby-Geflechte keine realistische Chance, in den Genuss unabhängiger Forschung zu gelangen. 


Bis dahin ist gut beraten, wer sich klar macht, dass die Weißmacher-Werbung von Persil & Co. und die weiße Weste der medizinischen Heilsversprecher so ziemlich aus dem gleichen Stoff gestrickt sind. 

Norbert Jos Maas


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