Freitag, 6. April 2012

Widersprüchliche Studien rund um die Tiefe Hirnstimulation (THS)
Heilen die Elektroden im Hirn Depressionen - oder erzeugen sie welche?

Heilt die Tiefe Hirnstimulation Depression - oder ist diese schwere psychische Erkrankung eher eine mögliche Neben- oder Folgewirkung des in der Parkinson-Therapie zu einem der Standards gewordenen operativen Eingriffs? Zurzeit behaupten mal wieder diverse Studien beides. Betroffene Patienten können sich wie üblich nach gusto heraussuchen, was ihnen besser in den kranken Kram passt.

Einer der "Dauerbrenner" in der chronischLeben-Berichterstattung ist die nur bei oberflächlicher Betrachtung Heiterkeit erregende bierernste Widersprüchlichkeit wissenschaftlicher Studien. Gerade geistert durch die wissenschaftlichen Nachrichtendienste eine Meldung, die Menschen mit schweren Depressionen Hilfe verspricht: Die Tiefe Hirnstimulation (THS), ein operativer Eingriff, bei dem Elektroden ins Hirn implantiert werden, die möglichst genau platziert bestimmte Hirnareale mit winzigen Stromstössen stimulieren, soll Patienten mit schwersten Depressionen, die bisher nicht behandelbar waren, "möglicherweise eine langfristige Linderung ihrer Beschwerden" bringen. Das behaupten zumindest eine Gruppe um Prof. Dr. Thomas E. Schlaepfer von der Bonner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Ihre Studie stützt allerdings gerade mal auf elf Patienten. Manche von ihnen, so die Autoren der Bonner Studie, hatten bis zu 60 vergebliche Behandlungen mit Psychotherapie, Medikamenten und Elektrokrampftherapie hinter sich, berichten die Bonner Forscher. Bei knapp der Hälfte lag das Ausmaß der Beschwerden "auch Jahre nach dem Beginn der Behandlung um mehr als 50 Prozent unter dem Ausgangswert“, so Schläpfer.

   Suizid - "ist bedauerlich, läßt sich aber nicht verhindern"   

Die andere Hälfte der Probanden zeigte keinerlei positive Wirkung auf die in das Belohnungszentrum des Hirns implantierten Elektroden Und: Einer der Patienten schied im Lauf der Studie durch einen Suizid aus dem Leben. „Das ist sehr bedauerlich“, kommentiert Prof. Schläpfer in einer Pressemitteilung der Bonner Universität eher schulterzuckend: „Dies lässt sich bei schwerstdepressiven Patienten aber nicht immer verhindern.“

 Und noch ein Satz findet sich in der offiziellen Pressemitteilung über die angeblichen oder tatsächlichen THS-Erfolge bei schwersten Depressionen: Nach dem mittlerweile auch aus dem Einsatz der THS in der Behandlung von Parkinson bekannten Eingeständnis, man habe bislang keinen blassen Schimmer, was man da eigentlich bewirke mit diesem dich recht massiven Eingriff ins Gehirn der Patienten und wisse nicht, wie das alles tatsächlich funktioniere, beruhigt der Autor der Studie, Prof. Schläpfer mögliche Skeptiker mit dem geradezu klassischen Satz: "Schwerwiegende Nebenwirkungen der Therapie waren nicht zu verzeichnen.“

Mit genau diesem pauschalen Freispruch von allen Risiken und Nebenwirkungen versuchen Neurochirurgen seit Jahren Parkinsonkranke von der relativen Harmlosigkeit und Sicherheit des schwerwiegenden operativen Eingriffs ins Hirn zu überzeugen.

   Jubelberichte von interessierter Seite in den Medien lanciert  


Entsprechend wurden seit 20 Jahren von Befürwortern der THS ausschließlich überwiegend positive Berichte über die Wirkung der Tiehe Hirnstimulation in Medien lanciert. Besonders beliebt: Das verbluffende "Ausschalten" des Parkinson-Zittern bei eingeschaltetem THS-Stromgenerator - und das schlagartige Wiedereinsetzen des Tremors, wenn die Elektroden im Gehirn nicht mehr mit Strom versorgt wurden. Das machte sich vor allem im Fernsehberichten gut und ließ kritische Fragen nach möglichen Neben- und Folgewirkungen rasch verstumnen - nach dem bekannten Motto "Wer heilt (oder lindert), hat recht".

Übersehen wurde und wird bei dem Hype um die THS, der ja nachweislich tatsächlich in sehr vielen Fällen Parkinson-Symptome ganz erheblich mindern kann, wer diese  Jubelberichte lancierte: Es sind vor allem die Neurochirurgien in den Kliniken, die mit der THS ganz erhebliche Gewinne einfahren - und natürlich auch die Medizingeräteindustrie, die an der THS kräftig verdient. Bekannt ist der Fall eines Mitarbeiters eines Geräteherstellers der "THS-Branche", der regelmäßig auf Informationsveranstaltungen der deutschen Parkinson Vereinigung (dPV) auftaucht und sich dort auch gern schon mal als musikalischer Alleinunterhalter nützlich macht. Derselbe nette Musikus, der bei Patiententreffs für die "richtige" THS-freundliche Information sorgt, taucht dann auch als redaktioneller Mitarbeiter von dPV- Publikationen auf.

Auffällig auch, das schwerste Misserfolge der Parkinson-THS eigentlich immer nur am Rande von Berichten bekannt wurden. So berichtete ein glühender Verfechter des THS-Eingriffs in einem Parkinsin-Forum nur am Rande von seinen zunehmenden Sturzneigungen und davon, dass er seinen THS-Generator ausstellen müsse, um halbwegs verständlich sprechen zu können.

chronischLEBEN darf sich glücklich schätzen mit seiner Autorin elrawi eine durchaus überzeugte THS-betriffene gefunden zu haben, die in ihren authentischen Erfahrungsberichten über die eigene OP und die sich anschließende Nachsorge und das Leben mit den Elektroden weder beschönigte oder verharmloste noch den Eingriff "verteufelte".

Mittlerweile werden aber auch wissenschaftlich fundierte Stimmen laut, die bei aller Anerkennung der positiven Auswirkungen der THS als Therapieansatz bei Parkinson auch auf die Kehrseite der  vielgepriesenen Medaille offen hinweisen. Und es werden Patientenberichte bekannt, die auch Befürworter des Eingriffs ins Grübeln bringen (könnten).

Auf der Internetseite des Magazins "Apotheken Umschau" wird vom authentischen Fall eines THS-Patienten berichtet, bei dem der Eingriff zunächst durchaus den erhofften Erfolg zeigte: Eine deutliche Verbesserung von Parkinson-Symptomen.

   Nach der THS freiwillig in die Psychiatrie   

Allerdings litt er dann zunehmend - wie viele "THSler" - an einer der typischen Nebenwirkungen: Er entwickelte eine sogenannte Impulskontrollstörung. Während andere zum Beispiel eine krankhafte Kaufsucht oder Hypersexualität entwickeln, litt dieser Mann an einer zunehmend exzessiven Spielsucht. Mit katastrophalen Folgen: Der 62jährige verspielte innerhalb weniger Jahre sein gesamtes Vermögen.

In diesem Fall gab es kein Happyend:: Die Ärzte ließen den Patienten selbst entscheiden wie es weiter gehen sollte - nachdem sie seinen THS-Generator abgeschaltet hatte, um ihm eine möglichst unbeeinflusste freie Entscheidung zu ermöglichen. Der Mann entschied sich fur das Wiedereinschalten des Generators, der die Elektroden in seinem Gehirn mit Strom versorgte und offensichtlich nicht nur fur die Linderung seiner Parkinson-Symptome, sondern auch für seine existenzvernichtende Spielsucht sorgte.

Und - er begab sich für den Rest seines Lebens freiwillig in die Psychatrie. 

Dr. Markus Christen vom Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich erstellte vor Kurzem eine Übersicht über zahlreiche Studien und Fallberichte, welche die Nebenwirkungen der THS bei  Parkinson beleuchten. Dabei zeigte sich, dass psychische Symptome wie Depression oder obsessives Verhalten regelmäßig in Zusammenhang mit der tiefen Hirnstimulation auftreten. Bei bis zu 50 Prozent der behandelten Patienten machen sich die Effekte zumindest zeitweise bemerkbar. 

   "Verhaltensveränderungen nach THS häufiger als bislang vermutet"   

Tatsache ist nach diesen Studien: Die Behandlung Parkinson-Kranker mit Hirnstimulation verbessert die Bewegungsstörungen, kann aber die Persönlichkeit verändern. „Verhaltensveränderungen als Folge der tiefen Hirnstimulation treten häufiger auf als bislang vermutet“, erklärt Christen. 

Bei immerhin fünf Prozent der Operierten zeigen sich gravierende Nebenwirkungen. Bei einem Prozent entsteht sogar Selbstmordgefahr. „Das sind Phänomene, die erst jetzt, mit einer gewissen Erfahrung, bekannt werden“, berichtet Christen.

Angriffspunkt des Hirnstimulators ist meistens der Nucleus subthalamicus, ein Kerngebiet, das tief im Gehirn liegt. Das Nervenareal bremst motorische Impulse, was überschießende Bewegungen verhindert und fein dosierte Aktionen ermöglicht. Bei der Parkinsonkrankheit aber führt ein Mangel des Überträgerstoffs Dopamin zu einer übermäßigen Hemmung der Motorik. Bremst man den Nucleus subthalamicus mithilfe des Stimulators, wirkt sich das günstig auf die Erkrankung aus.

„Das wirkt sehr zuverlässig“, sagt Markus Christen. „Allerdings weiß man kaum, was genau die Stimulation im Gehirn noch bewirkt.“ Denn Hirnstrukturen erfüllen nicht nur eine Funktion, sondern steuern und modulieren ganz unterschiedliche Prozesse. Den starken Einfluss des Stimulationsorts auch auf psychische Vorgänge zeigt allein sein Zusammenspiel mit Dopamin. Die Substanz sorgt für motorische Aktivität, hilft aber ebenfalls dem Geist auf die Sprünge, indem sie bestimmte Wahrnehmungen mit Hochgefühl belohnt.

   "Schokolade für das Gehirn"   

Als "Schokolade für das Gehirn“ Professor Lars Timmermann, Neurochirurg vom Universitätsklinikum Köln den Botenstoff Dopamin. Er hebt die Stimmung, mindert aber auch die Selbstkritik, was im Extremfall die Reizbarkeit erhöht und zu einem übersteigert hedonistischen Verhalten führt wie Spielsucht oder Hypersexualität. „Das sind deshalb Nebenwirkungen, die wegen der gleichen, dopaminartigen Wirkung auch bei der medikamentösen Parkinsontherapie auftreten können“, betont Timmermann. Auch die Krankheit selbst wirke auf die Psyche, weshalb sich Veränderungen im Einzelfall nur schwer zuordnen ließen.

Markus Christen betont die Notwendigkeit einer systematischen, intensiven Aufklärung vor dem Eingriff: „Es muss auch der Familie erklärt werden, was möglicherweise auf sie zukommt.“ Immerhin sei es aufgrund therapiebedingter Wesensveränderung schon zu Ehezerwürfnissen gekommen.

Besonders problematisch erscheint, dass ein wesensveränderter Patient seinen Charakterwandel selbst meist nicht reflektiert. Deshalb soll vorher vereinbart werden, was bei Problemen zu tun ist. „Das erfordert sehr ausführliche Gespräche“, sagt Christen. Zudem müsse abgewogen werden, in welchem Zustand dem Patienten eine freie Willensautonomie zugebilligt wird. 

jos

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