Samstag, 31. März 2012

ADHS-"Explosion": Zahl der Fälle um mehr als 300 Prozent angestiegen
Pi-mal-Daumen-Faustregel statt fachärztlicher Standards
Wissenschaftler weisen Medizinern Überdiagnosen nach

Fehldiagnosen gibt es immer wieder. Auch gut aus- und fortgebildete Mediziner sind bekanntlich - anders als angeblich der römisch-katholische Papst - nicht unfehlbar. Die Vorstellung, dass nicht in tragischen Einzelfällen, sondern massenhaft Kindern und Jugendlichen ohne wirklichen Grund eine schwere chronische Krankheit auf den Hals, oder vielmehr in den Kopf diagnostiziert wird, ist allerdings kaum akzeptabel, sehr vorsichtig ausgedrückt. Bewahrheiten sich neue Studien, dann geschieht aber genau das. In dürren Worten: Die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS wird mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich überdiagnostiziert. Der Grund: Nicht gerade wenoige hochqualifizierte Fachmediziner stellen die folgenschwere Diagnose nach der ein wenig zweifelhaften "Pi mal Daumen-Faustregel".

Tatsache ist, dass die Zahl der ADHS-Diagnosen  in Deutschland zwischen 1989 und 2001 um 381 Prozent stieg. Die Ausgaben für ADHS-Medikamente haben sich in einem vergleichbaren Zeitraum von 1993 bis 2003 verneunfacht. Immer mehr Kinder, vor allem Jungen werden mit Methylphenidat (Handelsname Ritalin) behandelt. Bei der Techniker Krankenkasse beispielsweise stiegen die Methylphenidat-Verschreibungen in der Zeit von 2006 bis 2010 um 30 Prozent.

Bisher wurde angenommen, dass der krasse Abstieg der ADHS-Fallzahlen auf eine Verbesserung der Diagnostik zurückzuführen sei, die dann mehr ADHS-Fälle entdeckte. Es gab auch Theorien, die von einer tatsächlichen Zunahme der Erkrankungen am ADHS ausgingen.

Beide Erklärungsversuche der "ADHS-Explosion" schienen dem Forscher-Team Silvia Schneider und Jürgen Margraf von der Ruhr-Universität Bochum nicht sonderlich plausibel. Sie hatten einen Verdacht: Sie fragten sich, ob Psychotherapeuten und Psychiater möglicherweise die ADHS-Diagnose voreilig und leichtfertig stellen.

Die Bochumer beließen es nicht bei der bösen Frage. Gemeinsam mit ihrer Schweizer Kollegin Katrin Bruchmüller von der Universität Basel schrieben sie 1.000 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und -psychiater an. Dabei tricksten sie ein wenig:

Die ahnungslosen Test-Mediziner erhielten je eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten und wurden gebeten,  eine Diagnose zu stellen und eine Therapie vorzuschlagen. In drei der vier Fälle lag anhand der geschilderten Symptome und Umstände kein ADHS vor, nur ein Fall war mit Hilfe der geltenden Leitlinien und Kriterien eindeutig als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostizierbar.

Nach den strengen fachärztlichen Standards darf eine ADHS-Diagnose, die eine Therapie mit dem Wirkstoff Methylphenidat (Handelsname Ritalin) erlaubt, sich nicht allein auf das Vorhandensein von Symptomen stützen. Aus gutem Grund: das Amphetamin-Derivat, das seinen Namen nach dem Kosenamen "Rita" der Ehefrau des Entwicklers des Medikaments bei der damaligen Firma Cialis (heute der Pharmakonzern Novartis) bekam, ist alles andere als harmlos, sondern unterliegt mittlerweile dem Betäubungsmittelgesetz (BTM).

Um einen verhängnisvollen Fehler möglicht zu vermeiden, muss die Diagnose deshalb auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten anhand der "DSM-IV"-Kriterien oder der "ICD-10-"Richtlinien beruhen.

Peinlich: Die befragten 1.000 Psychotherapeuten und Psychiater stellten dennoch auch bei 16,7 Prozent dieser Kinder die Diagnose ADHS. Bei Jungen wurde die Fehldiagnose doppelt so häufig gestellt wie bei Mädchen. Übrigens wurden die Fehldiagnose deutlich häufiger von Männern gestellt.

Letztlich ist nicht nachzuweisen, warum ADHS so häufig falsch- und zwar überdiagnostiziert wird zurzeit. Die Autoren der Bochum-Basel-Studie haben jedoch nachvollziebare Erklärungsversuche entwickelt.

Sie vermuten als Grund die Neigung vieler Psychotherapeuten und -psychiater auf eine heuristische Diagnose. Heuristik ist an sich nichts Negatives, sondern eine durchaus seriöse wissenschaftliche Herangehensweise.

Grafik: Angela-Parszyk/pixelio.de   / Norbert Maas

Es ist die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen. Positiver gesagt, handelt es sich bei heuristischen Diagnosen um analytische Versuche, mit begrenztem Wissen über ein System von Mutmaßungen zu Ergebnissen zu kommen, die dann mit Hilfe empirischer Methoden verifiziert werden. Konkret aif fie ADHS-Überdiagnosen bezogen bedeutet das: Die sich irrenden Mediziner klären nicht ab, ob die Kriterien der Diagnose"-Handbucher" erfüllt sind, sondern verlassen sich auf ihre Intuition. Und dabei spielen offensichtlich "Schubladen"-Fallbeispiele von ADHS-"Prototypen" im Kopf der Fehldiagnostiker eine Rolle, die sie dann vereinfachend (und falsch diagnostizierend) auf die aktuellen Patienten übertragen.

Der Prototyp beim ADHS ist männlich und zeigt die mittlerweile bekannten Symptome von motorischer Unruhe, mangelnder Konzentration oder Impulsivität. Die Nennung dieser Symptome löst bei den Diagnostikern in Abhängigkeit vom Geschlecht unterschiedliche Diagnosen aus. Treten diese Symptome bei einem Jungen auf, bekommt er die Diagnose ADHS verpasst, bevor er "Hyperkinetik" sagen kann. Haargenau dieselben Symptome werden überwiegend bei einem Mädchen nicht als ADHS-diagnostiziert.

jos

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