Mittwoch, 28. Dezember 2011

Baden-Württembergs First Lady als Schirmherrin
"Singende Krankenhäuser" wollen "chronische Schmerzen besiegen"

Vorsängerin Gerlinde Kretschmann
auf der 
Website der Grünen in  und
um Sigmaringen
In Krankenhäusern, Reha-Kliniken, Psychiatrien, Behinderteneinrichtungen und Altenheimen soll endlich wieder mehr gesungen werden. Dafür will ein "Netzwerk Singende Krankenhäuser e.V." sorgen. Die Initiatoren geben sich sicher, dass das Erzeugen mehr oder wenifer melodischer und harmonischer Geräusche mit körpereigenen Mitteln wesentlich dazu beiträgt, "wieder in Kontakt mit ihren Selbstheilungskräften zu kommen".

Soviel ist mal klar: "Wo man singt, da lass' dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder", sang schon 1804 ein gewisser Johann Gottfried Seume. Nun ja, der Sangesbegeisterte urteutsche Dichter irrte. Niemand geringerer als der Geheime Rat von Goethe geißelte vier Jahre später das garstige, weil politische Lied in seinem "Faust".

Aber glaubt man einer ehemaligen Grundschullehrerin und heute professionellen Gattin, dann ist Singen absolut jenseits von gut und böse, aber gesund - und wie.

Besagte Grundschullehrerin heißt Kretschmann. Gerlinde Kretschmann und sie hat die Lizenz zum Singen. Zum Vorsingen.

Wer die wackere Sangesschwester immer noch nicht erkannt hat: Sie ist nicht nur Gattin von Beruf seit einigen Monaten. Sie ist sogar Lady, genauer gesagt First Lady - seit ihr Mann Winfried konservativer grüner Ministerpräsident im "Ländle" des Schpätzle-Schabens und Häusle-Bauens wurde.

Ob First Ladies nun wollen oder nicht: Sie müssen unentwegt Gutes tun, werden biologisch rätselhaft neben ihrem Lady-Dasein zu Herren, grammatikalisch zweifelhaft als Herrinnen bezeichnet: Schirmherrinnen. Schirmfrauen gibt es nicht (außer vielleicht der "Schirm-Madam" in Thomas Manns Buddenbrooks)

Schirmherrinnen engagieren sich meist - mehr oder weniger überzeugend - auf gesundheitlichem Gebiet. Da wollte die Frau des frischgebackenen baden-württembergischen Ministerpräsidenten nicht zurückstehen.

Gerlinde Kretschmann auf Schloss Reitzenstein

Quelle: Staatsministerium BW
Nur: Was passt für die Gattin des wenn auch ebenso erzkonservativen wie -katholischen grünen Landesfürsten?

Schirmherrin für Reiki? Das wäre ja wunderbar alternativ gewesen - aber doch auch nicht wirklich seriös.

Patronin der Tiefenhirnstimulateure? Das hat ja durchaus einen innovativen Touch - aber die Nähe zur Industrie hätte sich vielleicht doch nicht so recht einer grünen Gattin geziemt. Und außerdem: Wenn die Hightech-Hirnstocherei mal schief geht - wer war's dann? Natürlich das Mädel mit dem Schirm. Auf so was lässt sich eine vorsichtige Schwäbin nicht ein. Heiligs Blechle, was täte am End gar de Nachbarn schwätze.

Als unverfängliche Alternative verfiel die gelernte Lehrerin dann aufs Singen. Singen geht immer.

War nicht der Alt-BuPrä Walter Scheel wirklich berühmt geworden nicht etwa als erster Mann im Staate, sondern als Sänger und das auch noch hoch auf einem gelben Wagen? Dass der bekannteste Haarkranz der Nation der letzte noch lebende Minister der Kabinette von Konrad Adenauer und Ludwig Erhard ist (Loriot hätte gesagt: "Der letzte noch lebendste"), wäre eine fast unlösbare 300-EURO-Frage bei Jauch. Wer weiß das schon noch.

Aber dass er vorne beim Schwager sitzend 1974 Platz 5 der deutschen Charts stürmte, machte den heute 92jährigen zur Legende (vielleicht getoppt noch durch die Tatsache, dass Hella nicht nur von Sinnen, sondern auch seine Schwiegertochter ist).

Die clevere Lady aus dem Schwabenland verschont uns im Allgemeinen bislang mit öffentlichen Gesangsdarbietungen. Obwohl: Als aktives Mitglied des Laizer Kirchenchors könnte sie dem Gatten und uns schon mit einem munteren Ständchen den Tag erleichtern - beispielsweise, wenn der wegen seiner für einen Politiker zwar typischen, aber beim grün-alternativen Klientel immer noch nicht wirklich geschätzten Geschmeidigkeit in Sachen Stuttgart 21 in politische Bedrängnis geriete.

Gut unterrichtete Quellen berichten, dass der Kirchenchor des Sigmaringer Ortsteils Laiz mittlerweile verdächtig oft das schöne Volkslied "muss i denn..." übt.

"Singende Krankenhäuser"-Gründer Wolfgang Bossinger in YouTube"
Die „Singenden Krankenhäuser“, der Verein, dessen Schirmherrschaft die Ministerpräsidenten-Gattin jetzt übernommen hat, ist zurzeit so etwas wie der „letzte Schrei“ (hoffentlich nicht) in der Schmerz-Therapie. Einer der Hauptakteure der Bewegung, der Gründer von "Singende Krankenhäuser",  Wolfgang Bossinger verspricht vollmundig, dass Singen „sogar chronische Schmerzen besiegt“ – ein zumindest gewagte Behauptung.

Wissenschaftölich beruft sich das singende Netzwerk vor allem auf den Göttinger Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther. In Veröffentlicheungen wird er gern schon mal als "Deutschlands renommiertester Hirnforscher" bezeichnet, fiel aber eher unglaubwürdig auf als er zum Beispiel behauptete, das ADHS-Medikament Ritalin verursache in späteren Jahren Parkinson - eine durch nichts bewiesene These.

Singen, so der Verein, sei ein ganzheitlicher Ansatz, "der innerhalb des schulmedizinischen Behandlungsprozesses mit einfachsten Mitteln in allen erdenklichen therapeutischen Settings, bei Frühgeborenen, mit Wachkomapatienten, bei spracheingeschränkten und behinderten Menschen, bei alten und dementen Menschen oder in der Psychiatrie umsetzbar ist"

Das Netzwerk Singende Krankenhäuser bietet nach eigenen Angaben qualifizierte Weiterbildungen zum Singleiter an, die sich an Vertreter der Gesundheitsberufe wenden. Über die exorbitant hohen Kosten gibt die Website des Vereins keine Auskünfte. Wer sich „qualifiziert weiterbilden“ möchte, wird aber freundlich schon mal eingeladen, fünf „Module“ zu buchen. Wirklich seriös klingt das nicht.

Ansonsten verkauft der Verein munter Bücher und DVDs.

Mit Hilfe der Neu-Promi Kretschmann werden sich die Umsatzzahlen gewiss leicht boosten lassen.

jos

chronischLEBEN-Kommentar:
Wenn Pate Gotthilf  mit Schirmherrin Gerlinde
in den Stuhlkreis der singenden Klinik bittet ...

Musik-Therapie ist ein anerkannter, bewährter und durchaus seriöser Bestandteil der begleitenden Behandlung vieler, gerade auch chronischer Erkrankungen. Der Ansatz des Vereins "Singende Krankenhäuser" lässt jedoch an der Seriosität zweifeln. Da hatte ein Musiktherapeut eine Idee, die - so ein Zufall - auch eine als Wohltat gut getarnte Geschäftsidee ist. Pate stand unüberhörbar ein gewisser Gotthilf Fischer.

Hauptsponsor des Vereins ist die WALA Heilmittel GmbH, ein Produzent von anthroposophischen Arzneimitteln, die 1935 von dem Führer der Wandervogelbewegung Rudolf Hauschka gegründet wurde.

Die platte Behauptung, das Singen von Liedern helfe heilen bei allerlei Leiden und Behinderungen, ist Unsinn, die Behauptung des "Singende Krankenhäuser-Gründers Bossinger, Singen besiege chronische Schmerzen ist gefährlicher Unsinn.

Einmal davon abgesehen, ist es einfach nicht jedermanns Sache, sich zu Singkreisen zusammentreiben zu lassen und stumpf "gutes altes Liedgut" zu trällern. Was machen die durch und durch unmusikalischen Menschen? Die haben dann wohl einfach Pech gehabt. Denen kann weder das "Singende Krankenhaus" noch die Grundschullehrerin Kretschmann helfen.

Wer dann auf der Website des Vereins liest, was da alles kommerziell vermarktet wird, sollte misstrauisch werden. Verkauft werden "Weiterbildungen" (ohne jede Preistransparenz), teure DVDs und Bücher. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die merkantilen Aktivitäten möglicherweise der eigentliche Zweck des e.V. und seiner Hintermänner ist.

Schade, dass eine durch und durch sympathische Frau wie Gerlinde Kretschmann den First-Lady-Blödsinn mitmacht und sich vor diesen Karren spannen läßt.

Norbert Jos Maas

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