Samstag, 1. Oktober 2011

Deutscher Schmerzkongress in Mannheim:
Vom Cannabis-Spray bis zum Chili-Pflaster

Neue Medikamente mit altbekannten Wirkstoffen stehen im Mittelpunkt des Deutschen Schmerzkongresses, der vom 5. bis 8. Oktober 2011 in Mannheim stattfindet. Unter anderem geht es um Nasenspray mit Cannabis-Wirkstoffen ohne Suchtgefahr, Chilischoten-Pflaster und Opiode, die ultrakurz wirken. Veranstaltet wird der Kongress von der Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS).


Eine Ergänzung der verfügbaren Medikamente ist ein Cannabinoid-Spray. Cannabinoide sind schmerzhemmende körpereigene Stoffe. Ihre Anwendung war bisher durch die Gefahr von Halluzinationen und vor allem durch die Suchtgefahr nur begrenzt einsetzbar. Das neue Spray, das zurzeit für Patienten mit Spastik zugelassen ist, diese Nebenwirkungen nach Meinung von Experten kaum noch haben.

Ebenfalls schon lange bekannte ist der Wirkstoff der Chilischote Capsaicin. Er wirkt speziell auf die für die Schmerzweiterleitung wichtigen C-Fasern. Patienten mit Gürtelrosenschmerzen und anderen isolierteren Schmerzen können von einem neuen Pflaster mit Capsaicin nach einmaliger Anwendung bis zu drei Monate profitieren. Der Effekt beruht darauf, dass Capsaicin in der sehr hohen Dosierung dazu führt, dass die Schmerzfasern sich aus der Haut zurückziehen. Auch hier: Kaum Nebenwirkungen.

   Neue Impulse gegen starke Schmerzen   

Neue Impulse versprechen sich die Schmerzmediziner auch von einem seit einem Jahr auf dem Markt befindlichen starken Opioid (Tapentadol), das erstmals zwei Wirkmechanismen in einem Präparat verbindet. Es könnte eine Ergänzung gerade beim schwer zu behandelnden Nervenschmerz sein.

Neu sind auch ultra-kurz wirksame Opiate, die sowohl als Nasenspray erhältlich sind wie als Tabletten, die über die Mundschleimhaut aufgenommen werden. Sie haben den seit Jahren zugelassenen „Fentanyl-Lutscher“ weitgehend verdrängt. Diese Medikamente sind nur zugelassen für sterbenskranke Patienten im Rahmen einer palliativen Behandlung.

Die Verschreibungsdaten in Deutschland sprechen jedoch für einen erheblichen „Off label use“ für Patienten mit anderen Erkrankungen – eine Entwicklung, die viele Schmerzmediziner wegen der hohen Suchtgefahr mit Sorge sehen. „Bei diesen Präparaten muss sich erst erweisen, ob sie wirklich mit einer verbesserten Versorgung der Tumorpatienten und kalkulierbaren Risiken insgesamt einhergehen“, gibt Prof. Dr. Christoph Maier vom Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum zu bedenken.

   Problematisch: Langzeitanwendung von Opioiden   

„In Sachen Opioide waren die letzten zwei Jahre für Schmerzmediziner eine Zeit der kritischen Bestandsaufnahme und vorsichtigen Neubesinnung“, fasst Prof. Maier zusammen. Die ernüchternden Ergebnisse verschiedener Leitlinienentwicklungen brachten alte Dogmen ins Wanken. Mit der bisher angenommenen hervorragenden Langzeitverträglichkeit von Opioiden bei chronischen Schmerzen ist es doch nicht so weit her: „Die heutigen Zahlen belegen nur im geringen Ausmaß eine anhaltende Wirksamkeit, liefern jedoch immer mehr alarmierende Hinweise, dass sich bei unkritischem Gebrauch teils sogar bedrohliche Langzeitnebenwirkungen häufen“, so der Mediziner. Dazu gehören sowohl Abhängigkeit als auch zentrale Störungen z. B. der Atmung und des Schlafs.

   Den Einsatz kritischer prüfen   

Sollen deshalb Opiate nicht mehr verordnet werden? „Im Gegenteil: Sie haben gegenüber anderen Medikamenten den enormen Vorteil, selbst nicht in klinisch relevantem Maß organschädlich zu sein“, unterstreicht Prof. Maier. Dagegen könnten andere, gerne als schwach bezeichnete Schmerzmittel zu lebensgefährlichen Magen- und Darmblutungen führen. Die Konsequenz für Schmerzmediziner müsse aber eine größere Rationalität im Umgang mit Opioiden sein. „Der Schlüssel zur Therapieoptimierung ist, dass ausschließlich solche Patienten Opiate erhalten, bei denen diese in relativ niedriger Dosis wirklich schmerzlindernd wirksam sind und bei denen auch eine Verbesserung von funktionellen Parametern wie z. B. der Schlafqualität, der Arbeitsfähigkeit oder der körperlichen Leistungsfähigkeit zu dokumentieren ist“, meint der Schmerzspezialist.

jos

Quelle: DGSS

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Sie können hier einen Kommentar schreiben - bitte mit Namensnennung
Oder schreiben Sie mir eine Mail an: 
redaktion@chronisch-leben.de