Mittwoch, 21. September 2011

Chancen auf eine angemessene Therapie noch sehr gering
Chronischer Schmerz - die (meist) unbehandelte Krankheit

Wer an chronischen Schmerzen leidet, hat immer noch wenig Chancen auf eine angemessene Behandlung. Das ergab eine repräsentative forsa-Umfrage unter fast 2.000 Schmerzpatienten im Auftrag der Initiative "Wege aus dem Schmerz". Danach sind rund 40 Prozent aller Patienten mit Chronischen Schmerzen in Deutschland nicht in ärztlicher Behandlung. Und nur die wenigsten werden von ausgebildeten Schmerztherapeuten betreut.


Chronischer Schmerz wird in der Öffentlichkeit meist gar nicht  als eigenständiges Krankheitsbild wahrgenommen. Dabei ist Schmerz eine komplexe Erkrankung, die von Anfang an gezielt behandelt werden müsste. Von rund zwölf Millionen Deutschen, die unter Chronischen Schmerzen leiden, werden allerdings viele überhaupt nicht therapiert - rund 40 Prozent insgesamt. Frauen befinden sich etwas häufiger in Behandlung (68 Prozent) als Männer (56 Prozent) und ältere Betroffene (78 Prozent) häufiger als junge (38 Prozent).

   Unterversorgt und nicht angemessen therapiert   

Mehr als zwei Drittel aller Patienten (68 Prozent), die in Behandlung sind, gehen zu ihrem Hausarzt. Danach befragt, ob ihr behandelnder Arzt die Zusatzbezeichnung "Schmerztherapeut" trägt, antworteten 71 Prozent mit "Nein".

Die Ergebnisse der forsa-Umfrage bestätigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Versorgungssituation hierzulande: Ein Großteil der Patienten ist unter- beziehungsweise fehlversorgt. Teilweise werden sie jahrelang falsch behandelt, weil die Fachkenntnis für das komplexe Krankheitsbild Chronischer Schmerz fehlt. 

So sind sich 48 Prozent der Allgemeinmediziner nicht sicher, was zu tun ist, wenn ein Patient trotz Behandlung längere Zeit über Schmerzen klagt. "Ärzte brauchen eine bessere Ausbildung und einen vereinfachten Zugang zu Fortbildungsangeboten, um das vielschichtige Krankheitsbild Chronischer Schmerz therapieren zu können. Dafür muss Schmerztherapie als Pflichtbestandteil des Medizinstudiums und als eigenes Fachgebiet definiert werden", sagt Professor Dr. Rolf-Detlef Treede, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) und Professor für Neurophysiologie am Centrum für Biomedizin und Medizintechnik Mannheim.

Schmerzexperten empfehlen eine sogenannte multimodale Therapie zur effektiven Behandlung. Sie besteht aus den vier Säulen medizinische Therapie, medikamentöse Behandlung, Physiotherapie und Psychotherapie. Aber in der Praxis werden die Patienten nur selten multimodal behandelt, beispielsweise besuchen lediglich sechs Prozent der Betroffenen regelmäßig einen Psychiater oder Psychotherapeuten.

   Lange Wege zum Arzt und zu wenig Anlaufstellen   

Weiterhin zeigt die Umfrage, dass die Anzahl an Schmerztherapeuten nicht ausreicht, um eine flächendeckend angemessene Behandlung zu gewährleisten. Häufig müssen die Patienten sehr lange auf den ersten Termin bei einem Spezialisten warten - 35 Prozent warteten zwischen einem und sechs Monaten. 

Hinzu kommen lange Anfahrtswege, besonders in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands. Beinahe jeder dritte Patient (29 Prozent) aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fährt eine halbe bis zu über einer Stunde zu seinem behandelnden Arzt. 

Derzeit stehen den Schmerzpatienten in Deutschland nur etwa 500 bis 600 schmerztherapeutische Einrichtungen zur Verfügung. Experten der Fachgesellschaften schätzen den Bedarf hingegen auf rund 3.000 Einrichtungen. "Erschwerend kommt hinzu, dass die Anzahl der Schmerztherapeuten sogar rückläufig ist, da die notwendigen Strukturen und Prozesse für eine individuelle, multimodale Therapie in unserem Gesundheitssystem derzeit weder gegeben sind noch vergütet werden", sagt Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS).

   Zu wenig Verständnis aus dem nahen Umfeld   

Neben der schlechten Versorgungssituation kommen für die Patienten aber auch Probleme am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld hinzu: So beklagen 41 Prozent aller fest angestellten Patienten mit Chronischen Schmerzen, dass ihr Arbeitgeber kein oder nur wenig Verständnis für ihre Erkrankung hat. Und 26 Prozent fühlen sich bei der Therapie und der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten ihrer Erkrankung von Familie und Freunden allein gelassen.

Weitere Informationen zur Initiative und regionale Zahlen zur forsa-Umfrage finden Sie unter

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