Dienstag, 22. Juni 2010

Beelitz-Report / Parkinson-Fachklinik bei Potsdam


Hier ein Bericht über meinen Aufenthalt in der Parkinson-Fachklinik Beelitz-Heilstätten Oktober/November 2009:

Start mit "Klinik-Phobie"
Ich habe eine regelrechte Krankenhaus-Phobie – seit ich als vierjähriger in der Nachkriegszeit wegen Diphterie-Verdachts in der Isolationsstation eines Kleinstadt-Hospitals „eingesperrt“ war. So was sitzt tief.


Und nun die Aussicht auf drei Wochen in der Parkinson-Klinik Beelitz. Weit weg von Zu Hause, ohne die Aussicht auf Besuch. Dazu der Verdacht der Braunschweiger Nuklearmediziner auf MSA im Nacken. Und das unangenehme Gefühl in der Magengrube: „Ich soll da Gruppenarbeit machen“. Gruppenarbeit! Und das mir, dem Einzelkämpfer, dem Eigenbrötler, dem Hasser größerer Ansammlungen als drei bis vier Mitmenschen, der sich auf jeder Fete dankbar mit ein, zwei Freunden in eine stille Ecke zurückzieht.

Aber bekanntlich kommt erstens alles anders und zweitens als man denkt. Ich habe mich nicht eine Minute unwohl gefühlt in dieser Klinik und – viel wichtiger: Der MSA-Verdacht war ein – Verdacht. Mehr nicht. Meine Parkinson-Erkrankung könnte viel schlimmer verlaufen als sie sich zurzeit darstellt. Die Prognose des Chefarztes, Dr. Georg Ebersbach, lässt auf viele gute Jahre hoffen. Und: Ich habe mich in Beelitz als ganz anderen Menschen kennengelernt (zumindest für die gut zwei Wochen, die es dann letztendlich „nur“ wurden).


Menschlich und kompetent
Ich habe in Beelitz – mit einer Ausnahme – kompetentes, freundliches und engagiertes medizinisches und pflegerisches Personal kennengelernt. Die Unterbringung ist so gut wie es in Zweibettzimmern nun mal geht, und die Verpflegung ist halt die einer Großküche; ich habe da nicht die Köstlichkeiten des heimisches Herdes erwartet. Gefährlich für die schlanke Linie die sündhaft leckeren kalorienstrotzenden Torten, die unsere Küchenfeen tagtäglich zum Kaffee servierten – und das reichliche Frühstücks- und Abendbrot-Buffet.

Das Therapieangebot in Beelitz ist individuell auf die Patientinnen und Patienten zugeschnitten. Vom Walking bis zum Bewegungsbad, vom Theratrainer bis zum Laufband und Ergometer, von der Logopädie bis zu verhaltenstherapeutischen Einzelangeboten ist die ganze Palette abgedeckt. Kicker und Tischtennis ist natürlich jederzeit möglich. Wer – wie ich – mit dem üblichen Entspannungstraining in der Gruppe nicht zurecht kommt, wird in Einzeltherapie in die Snoezelen-Räume geschickt (ich mit Vorliebe auf ein phantastisches Wasserbett im so genannten Weißraum, in dem es mir nach wenigen Einheiten gelang, nicht nur körperlich zu versinken, sondern wirklich loszulassen.

Wer mich kennt, weiß, dass Volkslieder nicht gerade zu meinen persönlichen Charts gehören. Miene Familie und Freund haben sich fast nass gemacht vor Lachen als ich ihnen erzählte, dass ich einen Heidenspass daran hatte, mit Endsiebzigern im Stuhlkreis zu sitzen und „Hoch auf dem gelben Wagen“ und „Am Brunnen vor dem Tore“ zu schmettern. Ja, und ich gestehe, dass ich mich köstlich beim „Senioren-Sitztanz“ mit vielen witzigen Improvisationen amüsiert habe. Im Alltag ein absolutes No-Go. Gut, dass mich dabei niemand fotografiert hat - ich wäre für den Rest meines Lebens erpressbar gewesen.

Aber zum Tanzen und Singen war ich ja eigentlich nicht unbedingt in der Fachklinik für Bewegungsstörungen und Parkinson in Beelitz-Heilstätten. Ich komme jetzt zu der zunächst alles andere als heiteren rein medizinischen Seite meines persönlichen Beelitz-Reports.

Ich hatte einen wirklich guten Start: Ein junger Arzt, der einen Teil seiner Facharztausbildung in Beelitz absolvierte, übernahm meine Aufnahme – mit sorgfältiger umfassender Anamnese und einer sehr gründlichen Erstuntersuchung. Ich fühlte mich gut aufheboben und hatte zunächst einmal volles Vertrauen.
An sich hatte ich erwartet, dass man zunächst einmal mein L-Dopa absetzt und dann nach ein, zwei Tagen den üblichen Dopa-Test mit Übermedikation macht.

Nach gutem Start: Irritationen
Weit gefehlt. Das lag aber nicht an dem jungen Arzt: Vielmehr wurde ich in die „kompetenten Hände der Stationsärztin übergeben. Zu spät bemerkte ich, dass diese, an sich ja ganz nette junge Frau, offensichtlich ein „Hobby“ hat: Jede und jeder, der ihrer Meinung nach nicht in ihre „Parki-Schablone“ passte, wurde mit der fröhlichen Schnell-Diagnose beschert: „Sie haben gar kein Parkinson; ihre Probleme liegen in der Psyche“. Während meiner Zeit bekamen das vier mir persönlich bekannte PatientInnen zu hören – einige davon mit schwersten Parki-Symptomen. Klar wäre ich froh und glücklich gewesen, wenn das Mädel richtig gelegen hätte mit seiner Lieblingsdiagnose. Dass ichmindestens ein Macke habe, wird jeder, der mich kennt, freudig bestätigen und: Wer ist schon scharf auf Jimmy?

Mich machten allerdings mehrere Umstände mehr als stutzig:

Es wurde zunächst nicht mal der leiseste Versuch gemacht, zum Beispielmit dem bewährten Dopa-Test die bisher diagnostizierte Parkinson-Diagnose zu überprüfen.

Die Befunde der Braunschweige Nuklearmediziner (Datscan und IBZM) wurden mit einer kaum zu überbietenden Arroganz als „für uns nicht relevant“ abgeschmettert. Korrekterweise muss ich allerdings erwähnen, dass ichmittlerweile erfahren habe, dass diese Verfahren tatsächlich nicht wirklich 100prozentig zuverlässig sind – aber sie gebeneben doch deutliche Hinweise, die von dieser Dame schlichtweg geleugnet wurden.

Vollends verunsichert wurde ich durch die – letztlich positive – Entwicklung, dass eine Assistenzärztin meine weitere Betreuung übernahm: Sie geriet offensichtlich in ein Dilemma, weil ihre Diagnose bei mir eindeutig Richtung MP ging, in der Klinikhierarchie aber nun mal ein Treppchen tiefen stand. Ein wenig boshaft könnte ich unterstellen, dass ich da in ein munteres Zicken- und Stutengebeisse geriet (das leider auf meinem Rücken ausgetragen wurde)

Erfreulich: Die junge Assistenzärztin hatte den sprichwörtlichen A… in der Hose mitsamt dem dazugehörigen Ungehorsam gegenüber ihrer Vorgesetzten – und setzte nach fast eineinhalb Wochen nun doch die Durchführung des L-Dopa-Tests durch (mittlerweile war ich nur noch am Zappeln, weil ohne jede Medikation). Das Ergebnis war eindeutig. Parkinson.

Hammer der Woche
Der „Hammer der Woche“ kam eine halbe Stunde nach der Kontrolluntersuchung. Ich lief der Stationsärztin – nunmehr vorübergehend symptomfrei über den Weg. Sie machte einige flüchtige Tests – und hatte ihren „Urteilsspruch“ natürlich längst parat: „Klarer Fall – das ist so eine Art von Placebo-Effekt“. Wer mich kennt, weiß, was nun geschah. Ich verlangte ein Gespräch mit beiden Ärzten, in dem ich zunächst einmal klärte, dass ein echter Dopa-Test durchgeführt worden war – und der mit schwammig-schwurbeligen Erklärungen „So habe ich es ja nicht gemeint“ endete.

Gottlob kam zwei Tage später der Beelitz-Chefarzt Dr. Georg Ebersbach aus seinem Urlaub zurück. Er untersuchte mich sehr gründlich – und bestätigte die Parkinson-Diagnose der Assistenzärztin (und des Facharzt-Anwärters, der in der Erstuntersuchung ebenfalls zu einer klaren MP-Diagnose gekommen war.

Die Einschätzung/Prognose des Chefarztes: Weil mein IPS ausgesprochen tremorbetont ist und es mich gottlob nicht in jungen Jahren erwischt hat, kann ich mit ein wenig Glück mit einem langsamen Verlauf rechnen.

Unterm Strich: Mir wäre es lieber gewesen, die Stationsärztin hätte mit ihrer ofensichtlichten Fehldiagnose richtig gelegen – aber andererseits eine Stinkwut, weil ich damit wahrscheinlich einige Jahre unnötigen Leidens vor mir gehabt hätte: Eine noch so gute Verhaltenstherapie kann nun mal kein Dopamin ersetzen.
Wenn ich andererseits immer wieder höre, wie viele Jahre viele Mit-Parkis von Fehldiagnose zu Fehldiagnose stolpern, dann habe ich alles in allem eigentlich Glück gehabt. C so: Bei meiner Verabschiedung durch die Stationsärztin blieb mir erstmals ihr trotziger Standardsatz erspart, mit dem ansonsten jedes Gespräch endete: „Ich bleibe aber bei meiner Diagnose“ – Wäre mir ehrlich gesagt auch am Popo vorbei gegangen.

Noch etwas, was mir aufgefallen ist: Während alle Ärzte – vom Facharztanwärter bis zum Chefarzt mir auf gleicher Augenhöhe begegneten – sich also zu mir setzten, achtete diese eine spezielle Ärztin (die wohl nie wirklich meine Freundin wird) peinlich genau darauf, dass ich mich setzte und sie stehend im eigentlichen Wortsinn über mich befand.

Sollte sich das jetzt nach einer grundsätzlichen Kritik an der Beelitz-Klink anhören – davon kann keine Rede sein. Ich werde jederzeit wieder gern dorthin gehen – allerdings werde ich dafür sorgen, dass eine gewisse Ärztin mir allenfalls in der Cafeteria begegnet.

Weiter in Beelitz? Gerne
Wie es jetzt weitergeht bei mir? Ich bin vorläufig auf 4mal (im Vierstunden-Rhythmus) 100mg Isicom (LDopa) und für die Nacht zusätzlich mit 100 mg Nacom (L-Dopa) Retard eingestellt und komme recht gut damit klar. In zwei bis drei Monaten werde ich noch einmal für einen Tag nach Beelitz fahren – in die Ambulanz des Chefarztes. Möglicherweise werden wir dann später noch einmal die nuklearmedizinischen Untersuchungen machen lassen: Diesmal in der Berliner Charité.

Jos van Aken (Norbert Jos Maas)

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